Sachlichkeit und Photorealismus                                                                                                                                                            oder: Das Panorama der Stadt an der Wende zum dritten Jahrtausend

... Auf der motivischen Ebene korrespondieren diese Dokumente eines ungeschminkten Realismus mit den malerischen Arbeiten des Rosenheimer Künstlers Gerhard Prokop aus dem Jahr 2006, auf denen Ausfallstraßen, Schrottplätze oder Tankstellenanlagen zu sehen sind. Darüber hinaus hat auch Prokop ein großformatiges Rosenheim-Panorama geschaffen, das im Winkel von 360° den Blick über die Dächer der Stadt zeigt. Während sich jedoch Schalhorns unmittelbar nach der Natur entstandene Arbeiten bereits durch ihren charakteristischen Zeichenduktus auf den ersten Blick als Produkte einer individuellen künstlerischen Formgebung ausweisen, scheint Prokops Malerei zunächst auf jedweden subjektiven Ausdruck zu verzichten und stattdessen sogar in unmittelbare Konkurrenz zu motivgleichen Lichtbildern zu treten. Dennoch wäre es gänzlich verfehlt, ihre künstlerische Aussage auf das Erzielen illusionistischer Effekte zu verkürzen, die in der Verblüffung des Rezipienten und seiner Bewunderung vor der handwerklichen Virtuosität des Malers kulminieren. Das postmoderne Spiel mit der Wahrnehmung zielt weiter, indem es „das Verhältnis von Wirklichkeit und Bild, von Realität und Illusion“ (Klaus Schmid in: Ausstellungskatalog Städtische Galerie Rosenheim Weickmann/Prokop 1981, S. 16) an sich zu thematisieren vermag. Da Prokops Gemälde meist nicht „nach der Natur“ entstehen, sondern tatsächlich auf Photographien beruhen, deren Formen und Inhalte sie mit malerischen Mitteln nachbilden, handelt es sich bei ihnen bereits um Bilder von Bildern unserer alltäglichen Realität, die gleichsam wie durch einen mehrfachen Filter vor das Auge des Betrachters tritt und dadurch eine Verdichtung erfährt. Insofern zeigen sich Prokops Arbeiten dem freilich weitaus affirmativeren Ansatz des amerikanischen Hyperrealismus verwandt, welcher – mit Umberto Eco gesprochen – letztlich „die Tatsache denunziert, dass die Realität, wie wir sie zu sehen gewohnt sind, das Ergebnis einer mechanischen Manipulation ist.“ Gleichzeitig fordern Prokops Rosenheim-Bilder den Betrachter aber nicht nur zur Reflexion über das Phänomen der Realitätswahrnehmung als solcher heraus, sondern sie vermögen diese Wahrnehmung selbst durch ihre konkrete Motivwahl zu schärfen und zu sensibilisieren. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen der Tristesse bzw. der austauschbaren Gewöhnlichkeit des Dargestellten einerseits und der für die Darstellung aufgewendeten malerischen Präzision andererseits erwächst das kritische Potential dieser schnappschussartigen Alltagsausschnitte, denen es gerade durch ihre Annäherung an die photographische Ästhetik unter Beibehaltung gemäldetypischer Materialstrukturen und Bildwirkungen gelingt, die dominierenden städtebaulichen Erscheinungsformen des modernen Rosenheim in einer ungleich intensiveren Weise zu vergegenwärtigen, als es die Beiläufigkeit tagtäglicher Eindrücke und deren nicht minder beiläufige photographische Konservierung leisten.

Michael Pilz                                                                                                                                                                                            aus “Rosenheimer Stadtbilder” 2. Teil, Historischer Verein Rosenheim 2006

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