Rede von Dr. Evelyn Frick zur Eröffnung der Ausstellung

von Gerhard Prokop und Hendrik-Peer Lass

in der Galerie Markt Bruckmühl am 27. Mai 2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

zwei Künstler, zwei Generationen, zwei Herangehensweisen - und doch, was hier die glückliche Hand einer Jury zusammengefügt hat, ergänzt sich aufs Beste. Zwei Seiten einer Medaille. Beide, Gerhard Prokop und Hendrik-Peer Lass, setzen sich mit dem Zeitgeschehen auseinander und bieten hier aktuelle Werke aus ihrem Schaffen. Sie zeigen unsere Welt und die Menschen, die sie gestalten - oder besser gesagt missgestalten - in aller Schonungslosigkeit. Ihre Werke - die Bilder wie die Installationen - mahnen, kommentieren und dokumentieren. Lassen sie mich die beiden Künstler näher vorstellen.

Hendrik-Peer Lass, der jüngere der beiden, lebt und arbeitet in Bad Feilnbach. Im "Brotberuf" ist er Kunsterzieher am Gymnasium in Bad Aibling. Ich hoffe doch, dass sich einige seiner Schülerinnen und Schüler diese Ausstellung ansehen werden, um sich mit eigenen Augen ein Bild davon zu machen, was ihr Kunstlehrer in seinem zweiten Dasein als freier Künstler macht. Regional bekannt wurde Hendrik-Peer Lass 2011 mit seiner Beteiligung an der Gemeinschaftsausstellung "Vorabriss" im alten Rathaus von Bad Aibling. Überregional bekannt geworden war der gebürtige Münchner bereits im Jahr zuvor als er mit der Jungen Künstlervereinigung Dachau den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung erhielt. Dass der Absolvent der Münchner Kunstakademie von Schweden über Österreich bis Italien ausstellt, sei nur am Rande erwähnt.

Hendrik-Peer Lass ist ein Vertreter der Figurativen Malerei. Er braucht Menschen auf seinen Bildern und in seinen Installationen. Er braucht ihre Gesichter, ihre Körper, ihr Handeln. Für diese Ausstellung in Bruckmühl hat sich Lass ganz auf aktuelle Themen konzentriert. Themen, die jeden bewegen und die jeder tagtäglich von den Medien frei Haus geliefert bekommt: Arabischer Frühling, Arabellion, Bürgerkrieg in Syrien, Flüchtlingselend, aber auch Bürgerprotest bei uns, Gewalt, soziale Verwahrlosung und Kriminalität.

Lass spürt den Mechanismen nach, die Unterdrückung, Aufbegehren und Gewalt erzeugen. Als Ausgangspunkt dienen ihm Fotos, Videos, Filme im Fernsehen und im Internet. Als Format für die praktische Umsetzung wählt der Künstler mittelgroße Kartons, die er im Supermarkt oder beim türkischen Gemüsehändler findet. Sie kommen aus aller Welt und sind Wegwerfware, Altpapier. Wie in Guckkästen baut Lass darin Dioramen, die das bedrückende Geschehen greifbar machen. Der gemalte Hintergrund zeigt hässliche Plattenbauten oder zerbombte Häuserruinen. Die Szenerie selbst konzentriert sich im Vordergrund, wo kleine, ausgeschnittene Figuren agieren. Folgerichtig ist alles in schwarz-weiß umgesetzt, wie auf alten Pressefotos. Hier soll nichts beschönigt, kein Kampf romantisiert werden. Es gibt nur Verlierer. Die Botschaften sind klar und plakativ wie Graffitis auf Mauern.

Eigens für Bruckmühl angefertigt hat Lass einige lebensgroße Figuren, die er sozusagen aus den Guckkästen herausholte, mit Pappe und Heißklebepistole realisierte und ihnen damit Leben einhauchte. Hier erhält die Konfrontation nochmals eine ganz andere Qualität. Schaute der Betrachter zuvor in eine Puppenstube, so steht er jetzt dem brutalen Geschehen eins zu eins gegenüber, wird geradezu hineingezogen in das, was hier vor seinen Augen passiert. Ein Ausweichen ist kaum möglich.

Hendrik-Peer Lass hat aus seinem umfangreichen Schaffen für diese Ausstellung mit sorgfältiger Hand ausgewählt. Seine Beschränkung auf schwarz-weiß geschah konsequent und gezielt. So werden seine Bilder und Installationen, die man kunsthistorisch dem Kritischen Realismus zuordnen kann, ein optischer Gegenpart zu den farbigen Gemälden des zweiten Künstlers, der hier vertreten ist, Gerhard Prokop.

Der Rosenheimer Maler, seit Jahrzehnten etabliert und auf vielen Ausstellungen diverser Kunstvereine vertreten, setzt sich ebenfalls mit dem Zeitgeschehen auseinander, verfolgt aber einen anderen Ansatz. Seit genau zehn Jahren kreist sein Schaffen um das Thema "Stadtlandschaften" und der versierte Maltechniker eroberte sich von Rosenheim ausgehend die Welt. Waren zuerst Brücken in der näheren Umgebung und Innkraftwerke motivische Ziele, so weitete sich schnell sein Blick nach Berlin, Hamburg, Rom und Prag - bis Wien, Budapest, Paris, Kairo und Chile. Dabei ist durchaus eine Entwicklung zu bemerken. Waren die Gemälde der frühen Jahre noch deutlich dunkel in der Palette und zeigten auch so manche Nachtansicht, so hellten sich die Farben zusehends auf. Überhaupt scheint Gerhard Prokop in der Motivwahl etwas lockerer und spielerischer geworden zu sein.

Ein Bild, das den Fokus ganz auf einen engen Ausschnitt einer morbiden Hausfassade in Neapel legt, wäre noch vor kurzem schwer vorstellbar gewesen. Doch was er uns hier zeigt, lohnt den kleinen Schwenk in Richtung Stillleben. Liebevoll arrangierte kleine Madonnen, eine Herz-Jesu-Figur und natürlich Padre Pio, der im Süden nie fehlen darf. Dazu ein abenteuerliches Kabel, das den Energiesparlampen Strom liefert. Und dann diese Schrifttafel! Ich übersetze: "Aus dem Grade der Bescheidenheit ermisst sich die Größe". Statt Bescheidenheit könnte man auch Ärmlichkeit übersetzen. Ärmlicher geht es kaum. Welch feine Beobachtung. Welches Spiel mit Sinn und Hintersinn. Welch humorvolle Motivauswahl.

Gerhard Prokop spielt mit den Sehgewohnheiten des Betrachters. Er zeigt uns Orte, die wir glauben zu kennen. Doch auf einmal wirken sie ungewöhnlich, kommen uns fremd vor. Wir müssen uns einlassen auf die minutiös gemalten Ansichten. Müssen uns vertiefen in die unkonventionellen Blickwinkel, die so noch nie gesehenen Details. Auch für Gerhard Prokop dienen Fotos als Ausgangspunkt. Aber bei ihm sind es keine Fotos oder Filme wie sie in den Medien erscheinen, auch wenn er es früher reizvoll empfunden hat, Fernsehstandbilder zu malen. Ein Aspekt, der ihn durchaus mit Hendrik-Peer Lass verbindet.

Nein, Gerhard Prokop ist ein leidenschaftlicher Fotograf. Wie ein Jäger ist er unterwegs auf der Suche nach lohnenswerten Motiven. Dabei steigt er auf Türme, setzt sich ins Flugzeug, begibt sich ins Hochwassergebiet oder auf Ruinengrundstücke. Es sind nie die Postkartenmotive, die ihn reizen. Es sind gerade die schäbigen Ecken oder die unprominenten Blickwinkel. Das Bild vom Wendelsteingipfel mit dem Observatorium war nur malenswert, weil hier gerade gebaut wurde. Der Blick über die Theresienwiese zeigt natürlich nicht die Bavaria, sondern geht genau in die entgegengesetzte Richtung zu einem Heizkraftwerk. Im Wiener Augarten fesselt in der zentralen Blickachse des gepflegten Barockgartens nicht ein kleines Schlösschen, sondern ein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Denken sie bitte nicht, dass Sie auch einfach hinfahren könnten und mit ihrem Fotoapparat oder ihrem Handy eine entsprechende Aufnahme machen könnten. Die Bilder, die sie hier sehen, sind keine abgemalten Fotos. Fotos dienen nur als Ausgangspunkt. Es sind jeweils drei Aufnahmen, die Gerhard Prokop am PC zu einer Ansicht montiert, entzerrt und digital überarbeitet. Es würde hier zu weit führen, die einzelnen Schritte genauer anzusprechen. Das ganze Verfahren ist hochkomplex und unterscheidet das Schaffen von Gerhard Prokop grundlegend von den Fotorealisten der ersten Generation, die tatsächlich ihre auf die Leinwand geworfenen Dias nachmalten.

Vieles, das uns Gerhard Prokop zeigt, ist im Wandel begriffen, gibt es so nicht mehr oder wird bald abgerissen sein. Ich greife hier das "Capitol", ein Kinogebäude aus den 1950er Jahren in der Prinzregentenstraße in Rosenheim, heraus. Ein letzter Abschiedsblick zeigt das leer stehende, markante Gebäude hinter winterlich kahlen Bäumen. Zurecht hat das Städtische Museum Rosenheim dieses Gemälde angekauft. Dann sehen wir das abgeräumte Grundstück, bereit für die Neubebauung. Die beiden Bilder sind mehr als Dokumentationen der Stadtgeschichte. Wer sich heute das Areal ansieht, findet einen ganz aktuell-zeittypischen Allerweltsblock. Auch der Rosenheimer Bahnhof ist in einer kräftigen Umwandlung begriffen. Schon in wenigen Jahren wird das ganze Gelände umstrukturiert und neu bebaut sein. Auch die Kultfabrik in München wird bald Vergangenheit sein. Sie wird einer Hochglanz-Schickimicki-Bebauung Platz machenmüssen. Mit feinem Gespür für den unaufhaltsamen Lauf der Zeit hat Gerhard Prokop hier die Graffitis verewigt, die ihn auch sonst oftmals in den Stadtszenerien fesseln. Auch das eine weitere gedankliche Verbindung zum Schaffen von Hendrik-Peer Lass.

Es ist jedem selbst überlassen, die feine Ironie zu entdecken, die die Prokopschen Bilder oftmals auszeichnet. Was sich auch erst oft auf den zweiten Blick erschließt, ist der politische Aspekt. Das sind nicht nur ungewöhnliche Ansichten, dahinter verbirgt sich zur rechten Zeit auch eine kräftige politische Aussage. So auf dem Bild "Tarlaba¥i". Es zeigt winklige Altstadtgassen und verfallene Hausfassaden im Istanbuler Stadtviertel Tarlaba¥¥, das Schritt für Schritt abgerissen wird und einer neuen, mondänen Großstadtbebauung weichen muss. Sinnigerweise befindet sich dieses Viertel zwischen dem Erdo¥an-Fussballstadion und dem Gezi Park, der durch die blutig niedergeschlagenen Demonstrationen, die dort stattfanden, noch in unser aller Bewusstsein ist. In diesem Viertel wurde schon lange nichts mehr renoviert, es wurde ganz gezielt dem Verfall preisgegeben. Traditionellerweise wohnen hier viele Kurden, was ein weiteres Schlaglicht auf die Politik des türkischen Machthabers wirft.

Sie sehen, auch in dieser politischen Aussage stehen sich unsere beiden Künstler sehr nahe. Der größte Unterschied zwischen den beiden dürfte in der Darstellung des Menschen liegen. Hendrik-Peer Lass konzentriert sich auf den Menschen; er steht im Mittelpunkt seines Werkes, ist das Hauptmotiv seiner Bilder und Installationen. Und bei Gerhard Prokop? Wo sind da die Menschen, werden Sie fragen? Richtig! Auf den Bildern von Gerhard Prokop sieht man keine Menschen. Die Straßen sind leer; keiner auf einer Brücke oder am Bahnsteig, nicht einmal in der Münchner U-Bahn Station Freiheit. Es gibt auch keinen Autoverkehr. Nichts bewegt sich.

Und doch - der Mensch ist überall. Er ist zwar nicht zu sehen, er manifestiert sich aber durch sein Tun. Seine Gebäude, seine Ingenieursbauten, sein Wirken. Alles was sie auf den Bildern des Rosenheimers sehen, wurde von Menschenhand geschaffen. Die unberührte Natur, sofern es sie überhaupt noch geben dürfte, ist nicht das Thema von Gerhard Prokop. Es ist die Welt, wie sie der Mensch gestaltet hat.

Zwei Künstler und zwei unterschiedliche Blicke auf den Menschen. Entdecken Sie ungewöhnliche Konfrontationen. Sehen Sie, wie man "Freiheit" unterschiedlich buchstabieren kann. Werden sie sich bewusst, wie Flucht und Bahnhof - und gerade der Rosenheimer spielt hier eine wichtige Rolle -Aspekte einer Bewegung sein können. Gehen Sie durch das gesamte Haus, bis unters Dach. Sehen Sie auch in kleine Nebenkämmerchen. Sie werden überall etwas entdecken. Lassen Sie sich ein auf eine ganz starke, kraftvolle Ausstellung voll überraschender Momente.

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