Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Gerhard Prokop

„Rosenheim & Anderswo“

im Städtischen Museum Rosenheim

am 15. November 2012, 18.30 Uhr von Dr. Evelyn Frick

Sehr geehrte Damen und Herren,

Gerhard Prokop ist ein gebürtiger Rosenheimer. Dass er aber nicht nur Rosenheim mit dem Auge des Künstlers erfasst, sondern auch anderswo, sprich in der weiten Welt, unterwegs ist und seinen Blick schweifen lässt, beweist diese Ausstellung. Schon die beiden Großformate „Parkhaus in Rosenheim“ und „Lehrter Bahnhof in Berlin“ umreißen die Spannweite seines umfangreichen Schaffens. Sechs Bilder dieser Ausstellung wurden noch nie öffentlich gezeigt. Weltpremiere sozusagen. Ich möchte sie Ihnen deshalb genauer vorstellen. 2006 begann Gerhard Prokop mit seinen ersten, ich nenne es gern „Stadtlandschaften“. Seither durchzieht das Thema „Brücken und Straßen“ wie eine rote Linie sein aktuelles Werk.

Beginnen wir in Rosenheim, das sich hier von seiner schäbigen Seite zeigt. Die Eisenbahnbrücke über die Mangfall ist heruntergekommen, das alte Geländer an der Wegunterführung ist mehr als wacklig. Das triste Wetter und der dürre Baum unterstreichen die Stimmung des Verfalls. Keine Angst, liebe Rosenheimer. Für die Landesgartenschau 2010 wurde hier etwas Kosmetik betrieben. Das Pendantbild dazu präsentiert die gleiche Brücke, aber der Standpunkt liegt genau diagonal gegenüber. Nun blicken wir stadteinwärts und sind am anderen Mangfallufer. Nun liegt Schnee, aber kein frisch gefallener, das wäre dem Künstler viel zu langweilig und romantisch. Nein, dieser Schnee ist schmutzig und schon kräftig weggetaut. Beide Bilder verweisen auf Grundthemen im Werk von Gerhard Prokop. Es sind nie die typischen Touristenmotive, die er wählt. Nie die klassischen Postkartenansichten. Selbst was auf den ersten Blick so wirken könnte, wird verfremdet und zeigt plötzlich sein innerstes Ich.

Auf dem Ausstellungsplakat sehen Sie die Loretokapelle hier in Rosenheim. Es ist klar, dass Gerhard Prokop nicht einfach nur von seinem nahe gelegenen Wohnhaus hingeht und die Wallfahrtskirche im üblichen Blickwinkel fotografiert. Nein, er nutzt eine Fahrt mit dem Riesenrad während des Herbstfestes und es gelingt ihm ein Foto, das zum Ausgangspunkt für eine ganz ungewöhnliche Ansicht wird. Aus dieser Vogelperspektive erschließen sich einem erst so richtig die ganzen An- und Umbauten der Loretokapelle. Ich sollte das Bild ab sofort zu meinen Kirchenführungen mitnehmen. Auf dem Ausstellungsplakat sehen sie weiter ein großes Gesicht mit dem Finger vor dem Mund im Schweigegestus. Man muss schon genau hinsehen, und das will der Künstler ja gerade, um zu verstehen, was hier wiedergegeben wird. Mit diesem Gemälde haben wir Rosenheim verlassen und sind in Paris. Genauer gesagt, neben dem Centre Pompidou auf dem Strawinsky-Platz. Im Hintergrund sehen wir die Langhausfassade der spätgotischen Kirchen des hl. Medericus, Saint Merri. Auf dem Platz befindet sich das riesige flache Wasserbecken des Strawinsky-Brunnens. Zwei renommierte Künstler haben ihn 1982 konzipiert und mit 16 ihrer Werke, die sich thematisch an Musikstücken des russischen Komponisten orientieren, geschmückt. Von der Französin Niki de Saint Phalle stammen die farbenfrohen Nanas, die üppig runden Frauenfiguren, aus Polyester. Von ihrem Schweizer Lebensgefährten Jean Tinguely die schwarzen Maschinenkonstruktionen. Doch welchen Bildausschnitt wählt Gerhard Prokop? Ganz links ragen gerade noch zwei üppig bunte Brüste ins Bild, die mit zwei ebenso kräftigen Wasserstrahlen spritzen. Ganz rechts ist eine der witzigen Maschinen, die funktioniert, aber zu nichts taugt. An mehreren Stellen spritzelt es heraus. Ein mehr als witziger Gegensatz. Da braucht es schon ein besonderes Auge, um das zu erkennen. Doch wovon unser Blick wirklich angezogen wird, das ist das haushohe Graffiti, das eine triste Brandwand schmückt. Das riesige Männergesicht stammt von dem wohl bekanntesten französischen Graffitikünstler. Seit 30 Jahren verziert Jef Aérosol, wie er sich nennt, mit schwarz-weißen Porträts von bekannten und unbekannten Menschen Fassaden weltweit. Das Graffiti am Strawinsky-Platz ist mit 350 Quadratmetern sein bisher größtes und wie immer erscheint der rote Pfeil als Markenzeichen. Erst letztes Jahr brachte der Franzose es an und kurz darauf fotografierte die Szenerie Gerhard Prokop. „Chuuuttt !!!“ ist der Titel, „Sei still!“.

Der Rosenheimer zeigt auf seinen Bildern fast keine Menschen. Selbst üblicherweise belebte Straßen oder Plätze gibt er menschenleer wieder. Menschen erscheinen bei ihm meist nur als Bild im Bild. Wie hier, wo das Foto eines Mannes als Vorlage für ein Graffiti diente, das von Gerhard Prokop fotografiert wurde, um wieder als Vorlage für ein Bild zu dienen. Auf der gleichen Metaebene bewegen wir uns beim Gemälde des Prager Hauptbahnhofes, dessen Front ein riesiges Werbeplakat für eine Ausstellung des tschechischen Fotografen Jan Zatorsky ziert. Oder mit dem Filmplakat in Kairo mit den wild gestikulierenden Darstellern. Doch zurück nach Paris und zu den Bildern, die noch nie ausgestellt waren.

Gerhard Prokop entführt uns an einem heißen Augusttag in die Ruhe und den angenehmen Schatten des Père Lachaise. Auf dem größten und über zweihundert Jahre alten Friedhof von Paris ruhen zahlreiche berühmte Persönlichkeiten. Aber, sie ahnen es schon, diese Gräber interessieren den Künstler nicht. Als Ausgangspunkt für sein Bild wählt er eine Fotografie aus, die eine Weggabelung zeigt. Der Eindruck eines Scheideweges drängt sich auf. Rechts geht es hinunter und ins Dunkel. Links hinauf und ins Licht. Die klassizistischen Grabbauten lassen Dimensionen eines antiken Dramas wach werden. Die Freiheitsbrücke in Budapest zeigt das letzte der noch nie veröffentlichten mittleren Formate Typisch wie Gerhard Prokop die Fahrbahn und die Pfeiler zentral in der Bildmitte fokussiert. Doch die Schönheit der Eisenkonstruktion lässt sich nur erahnen hinter dem feinen Netz aus Masten, Leitungen, Kabeln, Ampeln und Verkehrsschildern. Sie wissen ja bereits, zu viel Schönheit tut nicht gut.

Ganz etwas Neues im Schaffen von Gerhard Prokop und eigens für diese Ausstellung konzipiert sind die Miniaturen, kleine Formate, aber ebenfalls in Öl. Ein Blick aus einem Dachfenster des Städtischen Museums bietet Rosenheim zwischen barocker Kirchturmzwiebel und modernem Handymast. Ein historistischer Hausgiebel ragt in rot hervor. Die Dachlandschaft komponiert sich aus Kaminen und Entlüftungsrohren. Saubere Spengler-Arbeit bei den Eindeckungen ist zu begutachten. Den Vordergrund dominiert stachelige Taubenabwehr. Ein Blick vom Turm der Nikolauskirche geht über den zentralen Dachfirst hinunter auf den Ludwigsplatz, den Minikreisel und die noch frisch angepflanzten Bäumchen. Der Gegenblick erschließt die Heilig-Geist-Straße mit der Volkshochschule und dem Parkhaus.

Das Erklimmen des Kirchturmes oder des Daches des Museums, das sind ja noch einfache Aktionen. Um zu den richtigen Fotos zu kommen, und sie haben sicher schon bemerkt, dass Gerhard Prokop nur eigene Digitalaufnahmen verwendet, scheut er aber auch nicht vor einem Flug zurück. An einem sonnigen Sommertag, der erste Termin einige Wochen zuvor musste wegen schlechten Wetters schon einmal abgesagt werden, ließ sich der Maler in einem Motorsegler von Flintsbach aus über Rosenheim fliegen. Gut, dass der Pilot Erfahrungen mit Fotografen hatte. Und ebenso gut, dass Gerhard Prokop wie immer gut vorbereitet war und genau wusste, was er fotografieren möchte. Kurz vor dem anvisierten Ziel muss nämlich der Pilot eine Steilkurve fliegen. Nur dann hat der Fotograf ein ungestörtes Schussfeld. Die Enge der Kabine, das winzige freie Guckloch zum Fotografieren und die damalige alte Kamera mit den schwachen Akkus erschwerten das Arbeiten. So entstanden schließlich aus 200 Fotografien zwei Gemälde, ein für Gerhard Prokop üblicher Prozentsatz. Auf dem ersten Bild blicken wir auf den schon neu gestalteten Riedergarten mit dem offenen Gerinne des Stadtbaches. Die Nikolauskirche ist voll eingerüstet und wird gerade renoviert. Das zweite Bild ist ein Schmankerl für alle Kenner der Rosenheimer Geschichte. Auf dem Innzipfel ist noch der Bauhof des Straßenbauamtes. Das Rund des Hubschrauberlandeplatzes besteht noch. Am Mühlbachbogen steht noch der Schlachthof. Doch der Bauhof im Süden des Klinikums ist schon umgezogen, die Gebäude sind abgerissen. Drei Silos für Streusalz stehen noch. Ein Bagger arbeitet. Die Vorbereitungen für die Landesgartenschau haben gerade begonnen.

Wer sich auf die Bilder einlässt, sich Zeit nimmt und mit den Augen darin spazieren geht, der entdeckt feine Details und witzige Anspielungen, die durch Gegensätze betont werden. Manche Motive haben sich schon wieder verändert wie das Freibad in Rosenheim oder die Alte Spinnerei in Kolbermoor, andere sind zum Abriss freigegeben wie der Kleppersteg am Bahnhof. Gemälde als historische Dokumente. Momentaufnahmen aus der Stadtgeschichte. Haben Sie sich eigentlich schon einmal das Kieswerk an der Innlände näher angesehen? Bei aller Tristesse schimmert hier Industrie-Romantik durch.

Seit der Erfindung der Digitalfotografie, vor allem in Kombination mit einem Smartphone, entstehen weltweit täglich wohl Millionen oder gar Milliarden von Fotos. Selbst wenn man nur die echten Urlaubsfotos in Betracht zieht, sind es Unmengen. Und die meisten sind richtig schlecht. Schnell wird klar, Fotografieren ist etwas ganz anderes als Knipsen. Der Werkprozess bei Gerhard Prokop beginnt bereits mit der Auswahl des Motivs. Manche Objekte trägt er seit Jahren im Kopf, andere werden recherchiert oder ergeben sich aus glücklicher Fügung. Die wenigen ausgewählten Fotos dienen dann nur als Vorlage für ein Gemälde, keinesfalls werden sie eins zu eins „nachgemalt“. Mehrere Bearbeitungsschritte führen zu Verfremdung, Konzentration und Vertiefung. Wenn Sie, liebe Besucher, am gleichen Standpunkt mit ihrer Digitalkamera ein Foto machen und es dann neben das Gemälde von Gerhard Prokop halten, werden sie überrascht sein über den Unterschied. Ich habe immer Probleme mit dem Begriff „Fotorealist“. Das ist die Schublade in die Gerhard Prokop gerne abgelegt wird. Gewiss, er verwendet Fotos als Ausgangspunkt und seine Darstellungsweise ist durchaus realistisch zu nennen. Aber die Manipulationen die der Künstler vornimmt, um zu seinem Bild zu kommen, sind zumeist vielfältig und gravierend. Da wird nichts „abgemalt“, da wird gestaltet und geformt, entzerrt und entvölkert, verdichtet und komponiert.

Das Bild des Kulturpalastes in Dresden erzählt von 40 Jahren real existierendem Sozialismus. Die Fassade an der Schloßstraße zeigt in dem Kolossalgemälde „Der Weg der roten Fahne“ die Ikonen der DDR. Wer sich hier besser auskennt, kann nicht nur Walter Ulbricht identifizieren. Witzig, die schräg stehende rote Holzkiste davor. Wirklich auferstanden aus Ruinen ist nur die barocke Frauenkirche am linken Bildrand.

Zwei ebenfalls neue Gemälde, der Blick vom Mailänder Dom auf eine neobarocke Hausfassade gegenüber sowie eine mehr als schäbige Ecke am Pariser Montmartre, konnte Gerhard Prokop zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer seiner „Stadtlandschaften“ dieses Jahr schon in München in einer exquisiten Schau am Sapporobogen präsentieren.

Zum Schluss eine kleine Anekdote, die bezeichnend ist für das Schaffen von Gerhard Prokop. Gerne fährt der Maler ein- oder zweimal im Jahr mit dem Astl-Bus in eine der europäischen Metropolen. Das ist preiswert, man braucht sich um nichts zu kümmern und das Besichtigungsprogramm muss man eh nicht mitmachen. Gerhard Prokop hat sich wie immer zu Hause vorbereitet, er weiß wo er hinwill und verlässt sich auf seinen Riecher für besondere Ecken. Während der Busfahrt trifft der Künstler hier natürlich auf die ganz normalen Touris. Das Interesse der Mitreisenden erstreckt sich dabei von Verwunderung „was fotografiert denn der?“ bis zur glatten Anfeindung „so ein Spinner!“. So auch auf einer Romfahrt. Fasziniert vom Bau eines Autobahnkreuzes an der nördlichen Einfahrt in die Ewige Stadt drückte Gerhard Prokop unter abfälligen Kommentaren unermüdlich auf den Auslöser. Herausgekommen ist „Ante Portas“, vor den Toren. Wer genau hinsieht, entdeckt leichte Reflexionen der Scheibe und eine Unschärfe an der Leitplanke im Vordergrund.

Wer das Schaffen von Gerhard Prokop kontinuierlich verfolgen möchte, dem bietet seine Homepage, die er bereits seit 1999 betreibt und damit ist er ein Pionier auf diesem Gebiet, unter dem Button „aktuelle Arbeit“ eine Besonderheit. Nach jedem Arbeitstag fotografiert Prokop das gerade entstehende Gemälde und stellt es auf seine Seite. So kann jeder weltweit sehen, an was er gerade arbeitet. Also gehen sie auf www.gerhard-prokop.de. Vor allem aber, genießen Sie diese Ausstellung.

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